Rezension ‑ »Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten« und »Einladung zum Klassentreffen«: Zwei Theaterstücke – Martin Schörle

06.05.2019 10:20

#Werbung #Rezensionsexemplar

Kurzbeschreibung

Der kabaretteske Monolog »Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten« beschert dem geneigten Leser Einblicke in das Leben des Vollblutverwaltungsgenies Hans Fredenbek, der sich in seinem ganz eigenen Gedankengewirr aus Aktenzeichen, Dienstverordnungen, statistischen Erhebungen zusehends verheddert. Es wird deutlich, dass er sich von dem Leben jenseits seines Büros nahezu völlig verabschiedet hat. Vor allem aber wird schonungslos aufgedeckt, dass es zwischen Slapstick und Tragik eine Nahtstelle gibt. Und dass diese Nahtstelle einen Namen hat. Und dass dieser Name Hans Fredenbek ist. Mit einer Lesung aus seinem Stück war Schörle 2008 beim Autorenwettbewerb »Perlen vor die Säue« im Literaturhaus Hamburg erfolgreich (2. Platz von acht Finalteilnehmern aus insgesamt rund 100 eingereichten Beiträgen). Das Stück wurde außerdem im Rahmen der »Hamburger Theaternacht« als offizieller Beitrag des Hamburger Sprechwerks von »Caveman« Erik Schäffler auszugsweise gelesen. - »Einladung zum Klassentreffen« In ihrer Schulzeit hatten Marina und Carsten eine Liebesbeziehung. Nach 20 Jahren soll ein Klassentreffen stattfinden. So meldet sich Carsten, einer der Initiatoren, auch bei Marina, deren Leben nach Schicksalsschlägen zeitweilig aus den Fugen geraten war. Die gemeinsame innige Zeit ist für sie längst Vergangenheit, ein Früher. Aber an Carstens Gefühlen hat sich anscheinend nichts geändert. Sein Anruf weckt auch bei Marina Erinnerungen. Das unverfänglich begonnene Telefonat führt beide in ein Wechselbad der Gefühle ... Inhaltlich eine Liebesgeschichte wagt das Stück den Spagat zwischen Komik & Tragik, Lachen & Weinen. »Einladung zum Klassentreffen« wurde vom Publikum beim Wettbewerb »Stücke Schießen - Neue Dramatik. Neue Autoren. Neue Theatertexte« der Theaterliga zum Gewinnertext gekürt und erreichte bei der Spielplanwahl 2012/2013 des Thalia Theaters Hamburg den 8. Platz.

Erscheinungsdatum: 6. Dezember 2016

Seitenzahl der Printausgabe: 119

Verlag: Engelsdorfer Verlag

ISBN-10: 3960084080

ISBN-13: 978-3960084082

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Ich habe das Buch als Presseexemplar erhalten im Austausch für eine ehrliche Beurteilung.

Rezension – Von der Mannigfaltigkeit des Leben, in zwei Stücken!

Im vorliegenden Werk bekommt der Leser zwei Theaterstücke der etwas anderen Art an die Hand gereicht. So findet sich im ersten Teil des Buches die Geschichte um bzw. ein Ausblick in das Nichtalltägliche Leben eines Beamten, in Monologform verfasst, wohingegen die zweite Hälfte in Form eines Telefonats und den Versuchen, ein Klassentreffen zu arrangieren, die Gefühlswelt einer einstigen Liebe wieder ins Rollen bringt.

Inhaltlich werde ich nur kurz auf beide Theaterstücke eingehen, da in der vom Autor angegebenen Kurzbeschreibung schon ausreichend darauf eingegangen wird und ich dem Leser nicht zu viel an Lesefreude vorwegnehmen möchte. Ich begrenze mich daher auf mein Empfinden des Gelesenen.

Im ersten Stück, dem kabarettistischen Monolog, werden wir in die Welt des Vollblutbeamten Hans Fredenbek eingeführt. Erleben hautnah mit, wie ihn sein Dienst als Mensch verändert hat. Durchleben mit ihm sein Gedankenwirrwarr, dem für mich subtil vorhandenen Wunsch nach einem Leben außerhalb des Berufs, aber auch der Nichtfähigkeit dazu. Er ist wie gefangen in den Aufgaben seines Arbeitsgebietes, in den diversen Dienstverordnungen und Verwaltungsstrukturen. Im Wechsel zwischen Fall und Aktentreue verliert er immer mehr von sich selbst, während er anderen dabei hilft, ins Leben zurückzufinden. Doch ein Leben außerhalb, das gibt es für ihn kaum noch. Er existiert, um seine Aufgaben zu erfüllen, geht darin auf, verliert sich aber auch darin. Vergisst sich selbst. Dennoch bleibt es das Zentrum seines Seins, wenn auch tief in ihm sicher der Wunsch schwelt, mehr als das zu haben. Die Tragik seines Lebens, wenn man so will, aber auch die Komik darin, werden durch die Monologform hervorragend vermittelt. Man erhält beim Lesen tiefe Einblicke in sein Seelenleben, seine Seelengesundheit und die Hürden und Stationen, die ihn beschäftigen. Es ist ein tiefgehender und doch angenehmer Lesegenuss, obgleich ich gestehen muss, nicht ganz warm mit der Geschichte um den Beamten geworden zu sein. Mir fehlten einfach hin und wieder das Miteinander, der Dialog, eben doch das Ausbrechen aus der vermuteten Eintönigkeit seines Beamtendaseins. Es war einfach sehr düster.

 

»Manchmal vergesse ich sogar meinen eigenen Namen. […] vielmehr […] kann ihn für einen Moment nicht mit meiner Person in Verbindung bringen.«

~ S. 50

 

Der zweite Teil des Buches mit der Tragik einer Liebesgeschichte, der Frage, was das Leben aus einem macht, wenn man getrennte Wege geht, und dem Versuch, ein Klassentreffen zu organisieren, hat mich regelrecht mitgerissen. Die Dialoge sind von Tempo getragen. Bedienen sich aber gleichsam einem Tanz aus Komik, Drama, Gefühl, Neutralität, Struktur und dem Aufbrechen davon. Es war beim Lesen ein Wechselbad der Gefühle, gleich dem, welches die Charaktere des Stückes durchleben. Von Lachen zu Weinen zu Wundern zu Lieben. Es ist alles dabei für mich. Mein fühlt, hofft, bang, leidet, erlebt mit. Große Kunst für mich und ein absoluter Genuss. Wie die Parabel eines Lebens. Vielleicht genau des Lebens, das unserem Beamten bevorgestanden hätte, hätte er in der Vergangenheit andere Entscheidungen getroffen.

 

»[…] was ihn antreibt, ist sein Idealismus. Er gibt alles, weil er etwas bewegen will.«

~ S. 83

 

So unterschiedlich die beiden Geschichten für sich auch zu bewerten sind. So verschieden sie erscheinen, so schwer zusammenzubringen, haben sie doch einen gemeinsamen Nenner: die Mannigfaltigkeit des Lebens, das eben nicht nur einen Weg hat, sondern von Entscheidungen geprägt und verändert wird. Wenn man daher beide Geschichten als Summe betrachtet, erhält man ein gutes Spektrum der Möglichkeiten und dennoch nur einen kleinen Teil dessen, zu was wir als Menschen fähig sind. Der Autor lädt mit seinen Stücken zum Ausspannen, Verweilen, Genießen, aber auch ebenso zum Nachdenken, Umdenken und Überdenken ein. Zum Nutzen von Chancen und zum Erweitern des eigenen Horizonts. Man weiß nie, wem man begegnet und was diese Person bereits alles erlebt und durchgemacht hat. Das sollte man nie vergessen.

Mein Favorit des Buches im Gesamten ist Stück zwei, für Teil eins hätte ich mir teilweise ein paar mehr Pausen und weniger Irrungen und etwas mehr Lichtblick gewünscht.

Ihr merkt, so zwiegespalten ich zu Beginn der Lektüre noch war, so offener wurde ich mit dem Fortschreiten des Lesens, sodass es am Ende ein Genuss außerhalb des von mir Erwarteten war. Dafür danke ich dem Autor, er hat mich nicht nur unterhalten, sondern auch gefordert.

Der Schreibstil war leicht und den einzelnen Stücken entsprechend angepasst. Die Form variierend. Er hat in beiden Fällen mit der klassischen Theaterstück- oder Drehbuchform leicht gebrochen, seinen eigenen Weg gefunden (eben die Mannigfaltigkeit bedient), was mir sehr gefallen hat. Sämtliche Einblenden zu Setting, Atmosphäre und Geschehen waren gut dosiert und durchweg unterstützend gewählt.

Wer mal etwas anderes Unterhaltsames lesen und einen schönen Nachmittag zubringen möchte, dem sei dieses Werk gern empfohlen.

 

Eure Jil Aimée

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